Wissenschaftliche Forschung wird traditionell vor allem über Publikationen sichtbar gemacht: Zeitschriftenartikel, Konferenzbeiträge, Bücher oder Buchkapitel bilden in vielen Disziplinen die wesentliche Grundlage für die Dokumentation und Bewertung wissenschaftlicher Leistungen.
An Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) bildet diese Definition jedoch nur einen Teil der tatsächlichen Forschungsaktivitäten ab. Forschung entsteht hier häufig im Zusammenspiel von wissenschaftlicher Analyse, technologischer Entwicklung, Gestaltung, Experiment, Prototyping und Transfer. Ergebnisse können daher Formen annehmen, die sich nicht ohne Weiteres als klassische wissenschaftliche Publikation beschreiben lassen.
Dazu gehören beispielsweise:
International werden solche Ergebnisse teilweise unter dem Begriff Non-Traditional Research Outputs (NTROs) zusammengefasst.
Der Begriff sollte dabei nicht als Abwertung gegenüber traditionellen Publikationsformen verstanden werden. Im Gegenteil: Er erweitert den Begriff des wissenschaftlichen Outputs um Formen, in denen Erkenntnis nicht ausschließlich über wissenschaftliche Texte, sondern beispielsweise auch über Artefakte, Systeme, Prozesse oder Interventionen erzeugt und kommuniziert wird.
Ein interessantes Referenzmodell findet sich im australischen Hochschulsystem. Die Curtin University beschreibt Non-Traditional Research Outputs als Forschungsergebnisse, die nicht in den klassischen Kategorien Journal Article, Book, Book Chapter oder Conference Paper erscheinen.
Zu den dort genannten Formen gehören unter anderem:
Darüber hinaus werden Forschungsdaten, Software, Simulationen, 3D-Modelle, Fotografien, Videos oder Web Services als relevante wissenschaftliche Outputs behandelt.
Eine zentrale Herausforderung besteht darin, solche Ergebnisse sichtbar, auffindbar und zitierbar zu machen. Deshalb spielen Persistent Identifiers (PIDs) eine wichtige Rolle. Über Identifikatoren wie einen DOI (Digital Object Identifier) kann beispielsweise auch ein Datensatz, eine Software oder die Dokumentation eines Forschungsartefakts dauerhaft referenziert werden.
HAW besitzen ein Forschungsprofil, das stark durch Anwendung, Transfer und Kooperation mit externen Partnern geprägt ist. Forschungsprozesse führen deshalb häufig zu konkreten Artefakten und Systemen.
Ein Forschungsprojekt im Bereich Robotik kann beispielsweise einen funktionsfähigen Demonstrator hervorbringen. In der Informatik entsteht möglicherweise eine neue Softwarearchitektur. In der Architektur wird ein neuartiges Konstruktionssystem entwickelt. Im Design entsteht ein Interface oder eine interaktive Installation. In der Elektrotechnik kann das Ergebnis ein neuartiges Sensorsystem sein.
Der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn steckt in diesen Fällen nicht ausschließlich in einem begleitenden Paper. Ein wesentlicher Teil des Wissens kann im Entwicklungsprozess und im entstandenen Artefakt selbst enthalten sein.
Gerade an einer HAW wäre es deshalb sinnvoll, wissenschaftliche Leistungen systematischer in drei komplementären Kategorien zu betrachten:
| Traditional Research Outputs | Non-Traditional Research Outputs | Transfer & Impact |
|---|---|---|
| Journal Article | Prototyp | industrielle Anwendung |
| Conference Paper | Software | Unternehmenskooperation |
| Book / Book Chapter | Installation | gesellschaftliche Wirkung |
| wissenschaftlicher Bericht | Datensatz | Policy Impact |
| Review | Designartefakt | Gründung / Transfer |
| Ausstellung | öffentliche Vermittlung | |
| Demonstrator | Standardisierung |
Diese Bereiche stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Ein Forschungsprojekt kann Ergebnisse in allen drei Bereichen erzeugen.
Nicht jedes gestaltete Objekt, jede Software oder jede Ausstellung ist automatisch ein Forschungsoutput.
Entscheidend ist deshalb eine klare Abgrenzung zwischen professioneller Praxis und Forschung.
Ein Non-Traditional Research Output sollte einen nachvollziehbaren Forschungsprozess dokumentieren. Dafür könnten an einer HAW beispielsweise folgende Kriterien gelten:
Damit wird nicht das Artefakt allein zum wissenschaftlichen Output. Der eigentliche NTRO besteht aus der Verbindung von
Artefakt + Forschungsprozess + Dokumentation + Reflexion.
Diese Unterscheidung ist entscheidend für die wissenschaftliche Qualität.
Für jeden NTRO könnte deshalb ein standardisiertes Research Statement hinterlegt werden.
Dieses sollte bewusst kurz gehalten werden und beispielsweise folgende Angaben enthalten:
| Feld | Inhalt |
|---|---|
| Titel | Bezeichnung des Outputs |
| Autor:innen | beteiligte Forschende |
| Forschungsfrage | Welche Frage wurde untersucht? |
| Kontext | In welchem Forschungsprojekt entstand der Output? |
| Methode | Wie wurde vorgegangen? |
| Output | Was wurde entwickelt oder realisiert? |
| Erkenntnisgewinn | Welches neue Wissen entstand? |
| Contribution | Was ist der eigenständige Forschungsbeitrag? |
| Evaluation | Wie wurde das Ergebnis untersucht oder validiert? |
| Dokumentation | Code, Bilder, Videos, Pläne, Daten etc. |
| Finanzierung | Projekt / Fördergeber |
| Partner | beteiligte Institutionen |
| Lizenz | beispielsweise CC, MIT oder proprietär |
| Identifier | DOI (Digital Object Identifier) oder anderer Persistent Identifier |
Damit entsteht eine kompakte wissenschaftliche Beschreibung, die auch von Forschenden außerhalb des ursprünglichen Projektes verstanden werden kann.
Eine HAW könnte diese Idee über ein institutionelles Research Output Repository umsetzen.
Neben klassischen Publikationen könnten dort auch nicht-traditionelle Forschungsoutputs dokumentiert werden.
Eine mögliche Struktur wäre:
Research Output
│
├── Traditional Research Output
│ ├── Journal Article
│ ├── Conference Paper
│ └── Book / Chapter
│
├── Non-Traditional Research Output
│ ├── Prototype
│ ├── Software
│ ├── Dataset
│ ├── Design
│ ├── Installation
│ ├── Exhibition
│ ├── Simulation
│ └── Research Method / Toolkit
│
└── Impact
├── Industry Transfer
├── Public Engagement
├── Policy Impact
└── Societal Impact
Ein NTRO-Eintrag sollte dabei nicht zwingend das eigentliche Artefakt enthalten. Bei einem physischen Demonstrator wäre dies ohnehin unmöglich.
Stattdessen kann eine digitale Repräsentation archiviert werden:
Der Repository-Eintrag wird damit zur dauerhaft verfügbaren wissenschaftlichen Repräsentation des Forschungsoutputs.
Besonders interessant ist die Verbindung mit Persistent Identifiers.
Ein Forschungsoutput könnte beispielsweise einen DOI erhalten:
Beck, F. et al. (2027): Interactive Material Interface. Research Prototype. FH Münster. DOI: 10.xxxx/xxxxx
Damit könnte ein Prototyp ähnlich wie eine Publikation zitiert werden.
Auch unterschiedliche Versionen eines Systems könnten dokumentiert werden:
Prototype v1.0 Prototype v1.1 Prototype v2.0
Repositories wie Zenodo ermöglichen bereits heute die Vergabe von DOIs für unterschiedliche Arten wissenschaftlicher Outputs, beispielsweise Software, Datensätze, Präsentationen oder andere Forschungsartefakte.
Dadurch entsteht eine wichtige Voraussetzung für die wissenschaftliche Anerkennung: Zitierbarkeit.
Eine zentrale Frage bleibt die Qualitätssicherung.
Bei klassischen Publikationen übernimmt diese Funktion häufig das Peer Review. Ein vergleichbares Prinzip könnte auch für NTROs entwickelt werden.
Denkbar wären drei Stufen:
| Status | Bedeutung |
|---|---|
| documented | Forschungsoutput wurde dokumentiert |
| reviewed | Output und Research Statement wurden intern oder extern begutachtet |
| peer reviewed | formalisierte wissenschaftliche Begutachtung |
Die Begutachtung müsste dabei disziplinspezifisch erfolgen.
Bei einem technischen Demonstrator könnten beispielsweise Funktionsweise, Methodik und Evaluation bewertet werden. Bei einem Designforschungsprojekt könnten Forschungsfrage, Prozess, Artefakt und Reflexion betrachtet werden. Bei Software könnten zusätzlich Repository, Dokumentation und Reproduzierbarkeit relevant sein.
Damit würde ein differenziertes System entstehen, anstatt sämtliche Outputs unabhängig von ihrer wissenschaftlichen Qualität gleichzustellen.
Eine Einführung sollte zunächst nicht hochschulweit erfolgen. Sinnvoller wäre ein Pilotprojekt mit wenigen Forschungsgruppen, die bereits stark artefakt- oder praxisorientiert arbeiten.
Geeignete Bereiche könnten beispielsweise sein:
Über einen Zeitraum von beispielsweise zwölf Monaten könnten zunächst 20–30 bestehende Forschungsoutputs exemplarisch dokumentiert werden.
Dabei wären insbesondere folgende Fragen zu untersuchen:
Langfristig könnte ein solches System die Wahrnehmung von Forschung an einer HAW deutlich verändern.
Die Forschungsleistung würde dann nicht mehr ausschließlich über die Anzahl klassischer Publikationen sichtbar. Ebenso dokumentierbar wären beispielsweise entwickelte Technologien, Open-Source-Projekte, Demonstratoren, Designsysteme, Ausstellungen, experimentelle Forschungsumgebungen oder neue Methoden.
Dies wäre insbesondere für interdisziplinäre Forschung relevant. In Forschungsfeldern zwischen Design, Informatik, Ingenieurwissenschaften und Gesellschaft entsteht Erkenntnis häufig gerade durch das Entwickeln, Bauen, Testen und Anwenden.
Ein institutioneller Umgang mit Non-Traditional Research Outputs könnte diese Form der Wissensproduktion sichtbar und wissenschaftlich anschlussfähig machen.
Das Ziel sollte deshalb nicht darin bestehen, klassische Publikationen durch NTROs zu ersetzen.
Vielmehr geht es um ein erweitertes Verständnis wissenschaftlicher Leistung:
Research is not only what we publish. Research is also what we build, test, create and make available for others to examine, use and develop further.