16.09.2035 – A Day in the Life of Kim
Kim an ihrem Arbeitsplatz in einer Kleinstadt im Münsterland. (Bild generiert mit Hilfe von OpenAI.)
Kim hatte von 2026 bis 2029 Creative Technologies studiert. Danach folgte ein Master im selben Feld. Während dieser Zeit arbeitete sie einige Jahre als Junior-Entwicklerin in einem Softwareunternehmen. Damals schrieb sie noch selbst große Teile des Codes, baute Interfaces, prüfte Bibliotheken und verbrachte erstaunlich viel Zeit damit, Fehler zu suchen, die heute kein Mensch mehr suchen würde.
2035 ist das anders.
Kim ist inzwischen selbstständig. Auf ihrer Visitenkarte steht immer noch „Creative Technologist“, obwohl sie selbst nicht ganz sicher ist, ob diese Bezeichnung noch passt. An manchen Tagen ist sie Entwicklerin, an anderen Projektleiterin, technische Übersetzerin, Researcherin oder Vermittlerin zwischen Menschen, Maschinen und Organisationen. Meistens ist sie alles gleichzeitig.
Um 6:42 Uhr wird sie von ihrem Arbeitsassistenten geweckt. Nicht weil sie vergessen hätte, einen Wecker zu stellen, sondern weil ihr Kalender entschieden hat, dass heute ein früher Start sinnvoll ist. Das Team in Seoul hat bereits seit mehreren Stunden gearbeitet, während Shenzhen in die Mittagspause geht. Ein Projektpartner in Kuala Lumpur wartet noch auf eine Entscheidung, die gestern Abend nicht mehr getroffen wurde.
Kim bleibt zunächst im Bett und setzt die Brille auf.
Vor ihr erscheint eine kurze Zusammenfassung der Nacht: zwölf neue Nachrichten, zwei geänderte Bauteile, eine Produktionsverzögerung von vermutlich drei Tagen und eine Warnung aus dem automatisierten Projektmonitoring. Die geplante Kamera für ein interaktives Leitsystem wird nicht rechtzeitig lieferbar sein. Das System schlägt drei Alternativen vor.
Kim ignoriert die Empfehlung mit der höchsten Bewertung.
Sie kennt den Hersteller.
Um 7:15 Uhr sitzt sie mit Kaffee in der Küche. Auf dem Tisch steht noch der kleine Rechner, den sie sich vor zwei Jahren selbst gebaut hat. Er ist nicht besonders schön, aber leistungsfähig genug, um mehrere lokale Modelle laufen zu lassen. Die großen Cloud-Anbieter wären komfortabler, aber ihre Preise haben sich in den letzten Jahren vervielfacht. Fast jedes professionelle System berechnet inzwischen nicht nur Lizenzen, sondern Rechenzeit, Agenten, Speicher, Datenzugriffe und automatisierte Services einzeln.
Kim hat deshalb vieles wieder nach Hause geholt.
Einige ihrer wichtigsten Werkzeuge sind Open Source. Andere laufen auf selbst konfigurierter Hardware. Ein alter Server steht im Abstellraum und heizt im Winter nebenbei den Flur.
Um 7:30 Uhr beginnt die erste Konferenz.
Seoul, Shenzhen, Münsterland.
Fünf Personen, drei Zeitzonen, vier Sprachen.
Niemand spricht dieselbe Sprache durchgehend. Das macht kaum noch einen Unterschied. Die Übersetzung läuft unsichtbar im Hintergrund. Kim hört Englisch, ihr Kollege in Korea Koreanisch und der Produktionspartner Mandarin. Nur manchmal entstehen kleine Pausen, wenn ein Begriff nicht eindeutig ist.
„Ambient responsive surface“, sagt die Designerin.
Die Übersetzungssoftware produziert drei verschiedene Interpretationen.
Alle lachen.
Genau solche Momente erinnern Kim daran, dass kulturelle und fachliche Übersetzung noch lange nicht dasselbe ist wie Sprachübersetzung.
Das Projekt betrifft ein öffentliches Gebäude. Interaktive Informationen sollen nicht mehr auf klassischen Displays erscheinen, sondern sich abhängig von Bewegung, Tageszeit und Nutzungssituation in die Architektur integrieren. Während des Gesprächs erstellt ein Agent automatisch neue Interfacevarianten. Ein anderer berechnet die benötigte Elektronik. Ein dritter aktualisiert den Schaltplan und erzeugt daraus ein neues Platinenlayout.
Noch vor zehn Jahren hätten mehrere Menschen dafür Tage gebraucht.
Heute dauert es elf Minuten.
Kim arbeitet trotzdem fast eine Stunde daran.
Sie vergleicht Varianten, stellt Fragen, löscht Vorschläge und verändert Anforderungen. Eine der automatisch erzeugten Lösungen ist technisch elegant, aber völlig ungeeignet für den Ort. Eine andere würde funktionieren, verbraucht jedoch zu viel Energie. Die dritte basiert auf einem proprietären System, das Kim grundsätzlich vermeiden möchte.
Sie entscheidet sich für keine davon.
Stattdessen kombiniert sie Teile aus zwei Ansätzen und startet eine neue Iteration.
Um 9:18 Uhr steigt sie ins Auto.
Heute ist Field Day.
Der Begriff stammt noch aus ihrem Studium. Damals bedeutete er, das Labor zu verlassen und reale Situationen zu untersuchen. Für Kim ist daraus längst ein normaler Bestandteil der Arbeit geworden.
Eine halbe Stunde später steht sie in einer ehemaligen Industriehalle. Dort befindet sich ein Prototyp des Systems. Die Simulation sah perfekt aus.
Die Realität nicht.
Durch ein Oberlicht fällt Sonnenlicht direkt auf einen Sensor. Das System interpretiert eine Reflexion auf dem Boden als Person und aktiviert ständig eine falsche Informationsfläche.
„Natürlich“, sagt Kim.
Der Techniker daneben nickt.
Solche Probleme findet kein digitales Modell vollständig.
Sie verschieben den Sensor, ändern den Winkel und testen erneut. Kim fotografiert den Aufbau nicht mehr. Ihr System dokumentiert automatisch Position, Komponenten, Messwerte und Änderungen. Trotzdem macht sie zusätzlich ein normales Foto mit dem Telefon.
Gewohnheit.
Gegen elf Uhr kommen vier Personen aus der Nachbarschaft vorbei. Sie gehören zu einer lokalen Initiative, die das Gebäude später nutzen wird. Eigentlich sollte es nur ein kurzer Testtermin werden.
Es dauert fast zwei Stunden.
Eine ältere Frau fragt, warum das System überhaupt erkennen müsse, wer durch den Raum läuft. Ein Jugendlicher möchte wissen, ob man die Projektionen verändern kann. Jemand anderes schlägt vor, das gesamte System nachts auszuschalten.
Keine dieser Fragen stand im Pflichtenheft.
Kim hört zu.
Später werden genau diese Gespräche wichtiger sein als ein Teil der technischen Spezifikationen.
Auf dem Rückweg hält sie an einem kleinen Imbiss. Während sie isst, läuft im Hintergrund bereits ein anderes Projekt. Ein Agent hat die Ergebnisse eines offenen Calls in Singapur analysiert und mit ihrem Profil abgeglichen. Zwei Projekte könnten passen.
Kim markiert eines davon.
Das andere klingt interessant, aber die Auftragssumme ist zu niedrig.
Selbstständigkeit besteht auch 2035 aus Rechnungen.
Um 13:40 Uhr ist sie wieder im Studio.
An einer Wand hängen noch Postkarten aus früheren Projekten: Marrakesch, Taipei, Rotterdam, Abu Dhabi. Daneben eine vergilbte Platine aus ihrem Studium. Sie funktioniert nicht mehr. Kim hat sie trotzdem behalten.
Auf dem Bildschirm wartet bereits das nächste Team.
Ein Hardwareentwickler aus Köln, eine Designerin aus Porto, ein Datenexperte aus Bangalore und zwei Personen aus Penang. Das Team existiert erst seit drei Wochen. Vielleicht wird es in einem halben Jahr wieder auseinandergehen.
So sehen viele Projekte inzwischen aus.
Es gibt keine gemeinsame Firma. Kein gemeinsames Büro. Nicht einmal gemeinsame Arbeitszeiten.
Was sie verbindet, ist ein Projekt.
Kim übernimmt die Koordination.
Sie entscheidet, welche Expertise fehlt, welche Aufgaben automatisiert werden können und welche besser von Menschen übernommen werden sollten. Sie prüft Verträge, verteilt Verantwortlichkeiten und klärt mit dem Produktionspartner, welche Teile lokal gefertigt werden können.
Dabei programmiert sie heute keine einzige Zeile selbst.
Gestern waren es vielleicht zwanzig.
Morgen könnten es zweihundert sein.
Das spielt keine große Rolle mehr.
Wichtiger ist, dass sie versteht, was der Code tut.
Um 15:20 Uhr kommt eine Nachricht aus Malaysia. Ein früherer Projektpartner hat ihren Namen weitergegeben. Ein Unternehmen sucht Unterstützung für ein neues System, das Wasserverbrauch in kleineren Gemeinden sichtbar machen soll.
Kim öffnet die Anfrage.
Interessant.
Sie kennt noch niemanden dort.
Drei Minuten später durchsucht ihr System ihr Netzwerk. Zwei ehemalige Kolleginnen haben bereits mit der Organisation gearbeitet. Eine lebt inzwischen in Kuala Lumpur.
Kim schreibt ihr selbst.
Keine automatisch generierte Nachricht.
Nur drei Zeilen.
Persönliche Kontakte funktionieren erstaunlicherweise noch immer besser als jede Plattform.
Am späten Nachmittag arbeitet Kim an einem Angebot. Es enthält kaum Angaben zu konkreten Softwareprodukten. Welche Programme in sechs Monaten benutzt werden, weiß ohnehin niemand.
Stattdessen beschreibt sie Prozesse.
Research.
Field Activities.
Prototyping.
Tests vor Ort.
Technische Integration.
Community Workshops.
Evaluation.
Ein zweiwöchiger Aufenthalt in Malaysia ist ebenfalls vorgesehen.
Als Kim die Reisekosten einträgt, schlägt ihr System vor, einen Teil der Arbeit durch Telepresence zu ersetzen.
Kim klickt auf „Nein“.
Manche Dinge muss man sehen.
Manche Menschen muss man treffen.
Um 17:37 Uhr beendet sie offiziell ihren Arbeitstag.
Zumindest den europäischen Teil.
Auf dem Weg nach draußen kontrolliert sie kurz den Server im Nebenraum. Einer der Lüfter klingt seltsam. Wahrscheinlich muss er demnächst ersetzt werden.
Sie bestellt keinen neuen.
Vielleicht liegt noch einer in einer Kiste.
Um 20:30 Uhr wird sie sich für zwanzig Minuten wieder einloggen. Dann beginnt in Kalifornien der Tag, und ein Kunde möchte eine Entscheidung besprechen.
Morgen dagegen startet sie erst um zehn.
Am Freitag fliegt sie nach Helsinki.
Nächsten Monat möglicherweise nach Malaysia.
Kims Arbeitsalltag besteht 2035 nicht darin, acht Stunden lang ein bestimmtes Werkzeug zu bedienen. Die Werkzeuge wechseln ständig und erledigen einen großen Teil der Produktion selbst.
Ihre eigentliche Arbeit liegt dazwischen.
Zwischen Menschen und Maschinen.
Zwischen einer Idee und ihrer Umsetzung.
Zwischen Deutschland und Asien.
Zwischen Simulation und Realität.
Zwischen dem, was technisch möglich ist, und dem, was tatsächlich sinnvoll ist.
Manchmal denkt Kim an ihr Studium zurück. An Projekte, bei denen niemand genau wusste, wie das Ergebnis aussehen würde. An Nächte im Labor, Field Trips, internationale Teams und Prototypen, die beim ersten Versuch nicht funktionierten.
Damals erschien vieles improvisiert. Sie tippt ihr in-ear Modul an – es nennt das Datum. Heute ist der 16. September 205. Heute nennt man es Arbeitsalltag.